[R. Brunath] Essay: Europas Panikökonomie
Europas Panikökonomie
Rainer Brunath, 3.1.2026
Essay
Wenn Giorgia Meloni Premierministerin Italiens ihren eigenen Mitarbeitern sagt, sie sollen sich ausruhen, weil das nächste Jahr deutlich schlimmer wird, ist das kein Galgenhumor. Es ist eine Erschöpfung, die spricht.
Sie wandte sich nicht an die Wähler. Sie wandte sich an den Staat selbst – an den bürokratischen Kern, der mit der Umsetzung von Entscheidungen betraut ist, deren Folgen nicht mehr zu verschleiern sind. In ihren Worten ging es nicht um Banales. Es ging um Zwänge. Um Grenzen. Um ein Europa, das vom Krisenmanagement in einen unkontrollierten Niedergang übergegangen ist.
Was Meloni preisgab, das wollen Europas Eliten nicht verstehen: Das westliche Projekt in der Ukraine ist frontal mit der materiellen Realität kollidiert – mit Stahl, Munition, Energie. Meloni hat verstanden, dass damit die Legitimität der Eliten der EU im Nichts verschwindet.
==> 1. Realität: den Krieg in der Ukraine kann Europa nicht beliefern
Vor dem hochintensiven Abnutzungskrieg stehen die Vereinigten Staaten und Europa vor einer Wahrheit, die sie ignoriert haben: Mit theatralischen Reden, Sanktionen oder dem Abbruch der Diplomatie trägt man einen solchen Konflikt nicht aus. Man hat geglaubt, den Konflikt mit links zu wuppen. Inzwischen ist die materielle Lücke nicht mehr theoretisch.
Der kollektive Westen reicht nicht mal annähernd an den Umfang der Waffenproduktion Russlands heran. Der tägliche russische Fortschritt der Front zeugt davon, dass die russische Industrie auf eine nahezu durchgehende Produktion im Kriegsmodus umgestellt ist. Dazu gehört zentralisierte Beschaffung, vereinfachte Lieferketten und staatlich gelenkter Durchsatz.
Europa und die USA hingegen verbrachten das Jahr 2025 damit, Ziele zu feiern, die es materiell nie erreicht hat. Selbst wenn man das versucht hätte, würden die Stückkosten nie das niedrige Niveau der russischen Waffenproduktion erreicht haben. Im kapitalistischen Westen müssen, um das zu erreichen, die Lebenskosten der Menschen massiv steigen, in Russland dagegen produziert man in großem Maßstab – ohne die sozialen Standards zu senken. Und die Annahme, die USA könne Europa industriell absichern, entspricht nicht mehr der Realität.
==> 2. Kriegsbereitschaft ohne Fabriken
Europäische Führungskräfte sprechen von „Kriegsbereitschaft“, als wäre sie eine politische Haltung. In Wirklichkeit ist sie ein industrieller Zustand – und Europa erfüllt ihn nicht. Dafür können wir sogar dankbar sein. Haben relativ niedrige Wehretats dazu beigetragen, den zivilen Sektor der Wirtschaft entwickeln zu können,
Neue Artillerieproduktionslinien benötigen Jahre, die Herstellung von Luftabwehrabfangraketen läuft in langen Zyklen. Selbst grundlegende Inputs wie Sprengstoffe bleiben Engpässe. Kapazitäten dafür können erst Ende der 2020er Jahre erreicht werden. Dieses Datum allein ist ein Eingeständnis.
Russlands Verteidigungssektor liefert schon jetzt jährlich Tausende gepanzerte Fahrzeuge, Hunderte Flugzeuge und Hubschrauber sowie enorme Mengen an Drohnen. Ein Landser, der dem in Kriegsfall gegenüber stünde würde sagen : „Gnade uns Gott“.
Europas Problem bezüglich „Output“ ist systemisch. Deutschlands viel beschworene und aus dem Boden gestampfter Zehnermilliarden versickern ohne Vorbereitung und industrieller Rückendeckung, dafür gibt es Beschaffungsengpässe, fragmentierte Vergaben, verkümmerte Zulieferbasis und angeberische Rhetorik.
==> 3. Die Ukraine als Bilanzkrieg
Die tiefere Wahrheit ist, dass die Ukraine nicht mehr primär ein Schlachtfeldproblem ist. Sie ist ein Solvenzproblem. Europa kann das nicht zugeben. Europa verbrämt den Krieg als existenziell, zivilisatorisch, moralisch. Es erklärte Verhandlungskompromisse als Kapitulation. Damit löschte es seine eigenen Ausstiegsmöglichkeiten.
Nun schlagen die Kosten dort auf, wo keine Erzählung sie ablenken kann: auf europäische Haushalte, europäische Energierechnungen, europäischer Industrie und europäischer politischer Kohäsion. Der 90-Milliarden-Euro-Kredit ist keine Solidität. Er ist die Verbriefung des Niedergangs während die produktive Basis, die sie rechtfertigen müsste, weiter erodiert. Meloni weiß das. Deshalb war ihr Ton nicht trotzig, sondern müde.
==> 4. Zensur als Panikmanagement
Während sich materielle Grenzen verhärten, wird die narrative Kontrolle gnadenlos. Die aggressive Durchsetzung des EU-Digital-Services-Acts hat nichts mit Sicherheit zu tun. Es geht um Eindämmung in ihrer orwellschsten Form – den Aufbau eines Abwehr-Rahmens um einen Elitenkonsens, der einer offenen Abrechnung nicht mehr standhält. Wenn Bürger beginnen zu fragen – beharrlich fragen: Wofür war das alles?, kollabiert die Illusion von Legitimität schnell und provoziert Reibungen über Meinungsfreiheit. Selbstsichere Systeme fürchten das Gespräch nicht. Fragile schon. Zensur ist Versicherung für die selbst ernannten Eliten.
==> 5. Deindustrialisierung: Der unausgesprochene Verrat
Europa hat nicht nur Russland sanktioniert. Es hat sein eigenes Industriemodell sanktioniert.
Bis 2025 zahlt die europäische Industrie weiterhin Energiekosten, die weit über denen von Wettbewerbern in den Vereinigten Staaten oder Russland liegen. Deutschland, der Motor, verzeichnet eine anhaltende Schrumpfung energieintensiver Fertigung. Chemie-, Stahl-, Düngemittel- und Glasproduktion wurden entweder eingestellt oder verlagert. Kleine und mittlere Unternehmen scheitern leise, ohne Schlagzeilen. Günstige Energie war eben kein Luxus. Sie war das Fundament. Entfernt man sie durch Selbstsabotage (Nord Stream u. a.), höhlt man die Struktur aus.
==> 6. Wovor Meloni tatsächlich Angst hat
Nicht vor harter Arbeit. Nicht vor vollen Terminkalendern. Sie fürchtet ein Jahr 2026, in dem Europas Eliten die Kontrolle über drei Dinge zugleich verlieren: Geld – Narrativ – (wenn die Zensur sich verschärft und dennoch die Frage nicht unterdrücken kann, die über den Kontinent hallt: Wofür war das alles?) – Bündnisdisziplin des Westens
Das ist ihre Panik, während die Realität durch Energierechnungen, geschlossene Fabriken, leere Arsenale und verpfändete Zukünfte in die Köpfe der Menschen sickert.
Menschheit am Scheideweg Und wenn sich diese Wahrheit setzt, wenn die Angst nachlässt und der Bann bricht, wird die Frage, die Europäer stellen, nicht technisch, nicht ideologisch, nicht rhetorisch sein.
Sie wird menschlich sein. Warum wurden wir gezwungen, alles für einen Krieg zu opfern, dem wir nie zugestimmt haben und bei dem man uns sagte, es gebe keinen Frieden, der es wert sei, verfolgt zu werden? Das ist es, was Meloni nachts wach hält.
Das Essay als PDF: Europas Panikökonomie

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