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Kopftuchverbot am Arbeitsplatz – wer ist die Nächste?

Bloged in Allgemein,Matriarchale Gesellschaft,Protest by friedi Dienstag Mai 23, 2017

Der Ausdruck „Kopftuchverbot“ hat sich in Windeseile als Übertitel für das EuGH-Urteil1 durchgesetzt. Das ist wohl der klarste Ausdruck dafür, wen das Urteil in erster Linie trifft.

Medien und Öffentlichkeit wissen und plakatieren es. Wen wundert‘s? Im Allgemeinen werden an der „Kopftuchfrage“ vor allem Emotionen abgearbeitet. Neben dem medialen Dauerbrenner „Islam“ geht es ja auch um „Frauen“. Die Kombination beider löst erst recht Gefühlsstürme aus. Schließlich ist das Thema Emanzipation noch lange nicht gegessen. Nicht nur die rechte Ecke der wackeren Verteidiger männerdominerter Pfründe freut sich über die Gelegenheit, Frauen an einen Platz zu verweisen, der ihnen passt. Weit in linke und fortschrittliche Sphären hinein sind Anschaffen, Sticheln, Bodenabgraben, Beleidigen, Ignorieren und Ausgrenzen beliebte Manöver machthungriger Patriarchen. Zur Machtspielerei zählt auch das Buhlen um Bündnispartner, die den Steigbügel halten sollen. Hier bieten sich weniger Mächtige an, die Interesse daran haben ein Stück der Macht abzubekommen;- um den Preis der Unterwerfung Dritter, also jener, die noch eine Stufe tiefer auf der Leiter der gesellschaftlichen Hierarchie stehen.

Das könnte eine Minderheit sein. Zum Beispiel Musliminnen. Mit Kopftuch. Mit dieser Vorlage machen Männerbünde den „weißen Frauen“2 gleich mehrere Angebote: Einmal können sie sich den weltanschaulichen Argumentationen „weißer Männer“ anschließen, indem sie meinen, sie trügen mit dem Ausschluss kopftuchtragender Frauen zu deren „Befreiung“ bei, also meinten es ja „gut“ mit ihnen. Das Label Feminismus bleibt sauber. Zum anderen fühlt man sich als säkular eingestellter Mensch auf der richtigen Seite, wenn man „alles Religiöse“ ablehnt, heißt, auch das Label „links“ ist gesichert. Und: Rassistisch ist man sowieso nicht, weil der Islam ja keine „Rasse“ ist und es ja genug muslimische/migrantische Frauen gäbe, die den Islam auch als frauenfeindlich identifizierten…

Diese Argumentationen sind Nebelgranaten und letztendlich nur dazu angetan, Feindseligkeit unter den verschieden Benachteiligten zu stiften.

Weil es sozioökonomische Bedingungen sind, die gesellschaftliche Macht hierarchisieren, finden weiße Mittelschichtsfrauen3 heutzutage noch die besseren Bedingungen für gesellschaftliche Teilhabe vor. Der Neoliberalismus hat jedoch die Konkurrenzsituation vor allem am Arbeitsmarkt dermaßen verschärft, dass es schon ‚unter relativ Gleichen‘ zu hässlichen Kampfsituationen kommt. Frauensolidarität? Ein Fremdwort. In Mittelschichtskreisen hat frau schon in den 1980er/1990ern von „internationaler Arbeitsteilung“ besser nichts wissen wollen. Die Analysen über Frauen, die außerhalb Europas den allgemeinen Wohlstand der industriellen und heute Hightech-Finanzmetropolen erwirtschaften, blieben ihnen fremd und kein Widerspruch war es ihnen Migrantinnen als Reinigungskräfte im Haushalt zu beschäftigen, um sich die Last der Reproduktionsarbeit zu erleichtern. Die Angepasstheit an den kapitalistischen Bedarf verlangte es. Und die Arbeitskraft der formal gebildeteten Frau war gefragt.

Maria Mies analysierte die globale Arbeitsteilung unter dem Diktat der Kapitalakkumulation als Modell, welches der Unterwerfung von Frauen, Natur und Kolonien zu seinem Fortbestehen bedarf.4

Es ist keine Neuigkeit, dass es in Zeiten des Arbeitskräftebedarfs in Wohlstandsnationen leichter war, sich als Frau eine gesicherte Existenz aufzubauen. In Zeiten wie diesen jedoch, wo ein Mangel an Arbeitsplätzen herrscht und die Art der Arbeit krankmachende Ausbeutung bedeutet, beginnen die Greifer der Hausfrauisierung wieder ihre Arbeit.

Allein diese doch bekannte Tatsache sollte zu denken geben, wenn es darum geht bestimmten Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verweigern. Dabei trifft es in diesen Zeiten gerne die Frauen mit Kopftuch. Sie stehen im Sog des Hypes um die Konstruktion des Feindbildes Islam in der neoliberalen Schusslinie ganz vorne. Genauso trifft es aber andere auch. Solche, die den vorgegebenen Soll-Attributen des Marktes nicht so ganz entsprechen. Und bald kann es ein neues Superfeindbild geben. Dann sind die Nächsten dran.

Im Klartext: Hinter der „Befreiung der Frauen vom Kopftuch“ über den Weg des Ausschlusses vom Arbeitsmarkt, steht nichts anderes als die alte Politik der Hausfrauisierung. Sie ist wiederum nur die lokale Projektion des globalen Neoliberalismus, der mit seinen räuberischen und kriegstreiberischen Mechanismen die Welt in den Abgrund treiben will.

Widerstand beginnt mit Solidarität.

Helga Suleiman, Mai 2017

1 Unternehmen dürfen ihren Arbeitnehmerinnen das Tragen eines islamischen Kopftuchs verbieten. Dies hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) im März 2017 in Luxemburg entschieden. Allerdings müsse es dafür eine allgemeine unternehmensinterne Regel geben, die nicht diskriminierend sei und das Tragen aller politischen, weltanschaulichen oder religiösen Zeichen betreffe.

2 „Weißsein“ u.a. als Kategorie zur kritischen Analyse gesellschaftlich gebildeter Normen

3 Klar, dass auch unter ihnen intersektionelle Benachteiligungen eine Rolle spielen: Gender, Alter, sexuelle Orientierung, Aussehen…

4 Maria Mies, Patriarchat und Kapital. Neuauflage 2015

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