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TOLLE INSZENIERUNG VON MUSSORGSKIS „CHOWANTSCHINA“ IN DER WIENER STAATSOPER

Bloged in Allgemein by friedi Samstag November 29, 2014
Im Wiener Thaterleben gibt es derzeit 2 unterschiedliche, ja entgegengesetzte Stationen: Während Büchners „Dantons Tod“ auf dem Burgtheater verhunzt, pseudoexistenzialistisch zurechtgestutzt wird- gibt es interessanterweise in der  STAATSOPER (sic!) eine hervorragende Inszenierung von Modest Mussorgskis „Chowantschina“, die sich wie ein Lehr-Stück ad Jihadhismus und (Religions)fanatismus  ausnimmt.
Ich hatte im letzten Moment  eine Freikarte ergattert und betrat skeptisch nach über 10 Jahren wieder das Haus am Ring. Vor einigen Jahren hatte ich in Leningrad/“St.Petersburg“ im Marinski-Theater eine  ziemlich verstaubte Inszenierung der bekanntesten Oper Mossurgskis „Boris Gudunov“gesehen….
Chowantschina, die Oper für die Mussorgski auch das Libretto schrieb, hat einen Schlüsselmoment der russischen Geschichte zum Thema: Zar Peter I. „der Große“, der brutale „Reformer von oben“ geht gegen die Bojaren vor, entledigt sich der Truppe der Strelitzen, die immer mehr Macht akkumulieren und wendet sich gegen die „Altgläubigen“ , die sich den „Reformen“ der russisch-orthodoxen Kirche widersetzen.
Mussorgski  zieht die Ereignisse zeitlich zusammen . Die endgültige Vernichtung der Strelitzen, die in der Oper noch Hoffnung auf Begnadigung hatten, erfolgt in der Realgeschichte etwas später- in dem berühmten Gemälde von Repin wird ihr Todesgang festgehalten.
Die  wirklichen Ereignisse  und die Handlung der Oper sind durchaus widersprüchlich: der „Europäisierer“ Peter gewährt im Rahmen seiner verordneten Reformen z.T. religiöse Freiheiten (etwa den Lutheranern), geht aber mit Gewalt gegen die Altgläübigen vor, die nicht nur retro unterwegs waren (die russische Aktivistin des Weltsozialforums Alla Glinchikowa hat sich eingehend mit der Problematik beschäftigt).
Die  hervorragende Inszenierung unterstreicht, daß alle Kontrahenten Dreck am Stecken haben  und daß die jeweiligen Eigeninterssen religiös verbrämt werden.
Bewußt werden Parallelen zur Gegenwart gezogen: zum mörderischen Terror des „Islamischen Staats“, aber auch zu den Kriegsparteien in der Ukraine.
Insbesonders der Chor ist eine Wucht. Das Auf und Ab des Bühnenbilds -mit seinen Kreuzfragmenten, die eine Art Gefängniszaun imaginieren- ist stimmig. Die Sängerleistungen sind gut- auch ohne Furlanetto, der an diesem Abend krank war.
Wer (pralles) Musiktheater liebt: unbedingt  hingehen- aber die Sache ist wie gesagt auch politisch extrem interessant!
Hermann Dworczak
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