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Paul Lendvai „MEIN VERSPIELTES LAND- Ungarn im Umbruch“

Bloged in Allgemein von friedi Donnerstag Januar 12, 2012

Paul Lendvai (2010): Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch. Salzburg: Ecowin Verlag. 233 Seiten. 23,60 Euro.

Die  ökonomische politische Entwicklung Ungarns wird immer wichtiger für die Entwicklung in ganz Europa. Das Buch Paul Lenvais beinhaltet eine Fülle von Informationen- auch wenn festzuhalten ist, daß seine  Analysen bzw. Perspektiven nicht sehr weitreichend sind.
Im Ungarn von heute sind die „Teufel der Vergangenheit“ voll präsent: Antisemitismus, Haß auf Romas, Geifer gegen alles was „rot“ ist. Lendvai schildert die Vorgeschichte: auf die kurze ungarische Räterepublik folgte das Horthy-Regime, das „nationale Trauma“ von Trianon- wobei m.E. die „Herrenrolle“ Ungarns anderen Nationen gegenüber ( etwa den SlowakInnen) bei Lendvai gegenüber viel zu kurz kommt; die Kollabarotaion mit Nazideutschland, die Pfeilkreuzlerherrschaft.

Der Holocaust trifft die ungarischen Juden und JüdInnen voll. Innerhalb kürzester Zeit werden Hundertausende in die Todeslager transportiert. Viele UngarInnen machen dabei aktiv mit.

Nach 1945 breitet die stalinistische Diktatur großteils einen Mantel des Schweigens über den Horror. Die „Wende“ 1989 bringt außer politischen Freiheiten nicht das gelobte Land, sondern bloß die profane EU-Wirklichkeit. Den diversen Regierungen (angefangen mit Antall) gelingt es nicht, das Land auf eine stabile ökonische  Entwicklungsbasis zu stellen.  Massenhafte Armut hat in Ungarn bis zum heutigen Tag ein erschreckendes Ausmaß. Der neoliberale Kurs des „Sozialdemokraten“ Gyurcsany, die Korruption seiner Regierung, die massenhafte Unzufriedenheit beschert Orban auf der Basis einer beispielhaften Hetzkampgne  2010 die absolute Mehrheit und der extrem rechten Jobbik satte 17 Prozent.

Besonders interessant sind die Schilderungen Lendvais über die gewendeten Reformkommunisten. Ohne jegliche eigene gesamtgesellschaftliche Vorstellungen übernehmen sie westlichen Konzepte, orientieren sich an Tony Blair &Co.

Für Lendvai stellt das jedoch kein Manko dar! Im Gegenteil: für ihn gab es wegen „kollektiver Realitätsverweigerung“ (S.207) zu wenig „Reformen“, also Sozialabbau (etwa im Gesunheitsbereich). Gyurcsany wird gar zum „Strahlemann “ (S.212) hochgejubelt.

Das ist nicht das einzige anlytische Defizit des Buchs.
– eine tiefere Auseinandersetzung mit DEM Knackpunkt der ungarischen Nachkriegsgeschichte, dem Volksaufstand von 1956, unterbleibt (1).
– an etliche (Kardinal)fragen wird rein personalistisch herangegangen.  Wo eine umfassende soziologische, ökonomische oder politische  Anylyse notwendig wäre, taucht als „Erklärung“ plötzlich ein Bonmot/ Aphorismus auf-  z.B. wird bei der Bewertung Antalls Jacob  Burckardt („Weltgeschichtliche Betrachtunge“) bemüht (S.62).
– Lendvai fehlt einen klarer, differenzierter Begrfiff von „links“.
Demzufolge  kann er sich keine  gesellschaftliche Alternative vorstellen. So scharf und gut er mit den Rechtsxetremen und dem oft mit ihnen verbandelten „christlichen“ Orban und dessen Fidesz abrechnet, ökonomische setzt er genau auf die neoklassischen Konzepte (der Sozialdemokraten und Liberalen), die international und in Ungarn die „Unzufriedennen“- mangels einer fortschrittlichen Alternative- in die Hände der Rattenfänger der politischen Rechten treiben.

Realiter vertraut er insbesonders auf auf die EU, auf Deutschland und
Österreich – deren beider Imperialismus er verschämt „die am Donauraum…  interessierten Staaten“ nennt(S.227f).

Was Ungarn wie einen Bissen Brot braucht ist eine neue,  klar antistalinistische und antikapitalistische  Linke. Von all dem wird man
bei Lendvai nichts finden. Aber als Info-Quelle- inklusive seinem
Insider-Wissen- ist das Buch von Nutzen.

1) Eine fundierte Auseinandersetzung mit 1956 bietet hingegen György Dalos. Der Aufstand der Ungarn. Verlag C.H.Beck, München 2006. 247 Seiten

Wien, 12.1.2012, Hermann Dworczak

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