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Excerpt: John Kenneth Galbraith „Gesellschaft im Überfluss“

Bloged in Krise von friedi Samstag November 24, 2012

Nach dem amerikanischen Ökonomen J.K. Galbraith (1908-2006, nach der Krise von 1929 Berater bei Franklin D. Roosevelt’s „New Deal“ und später bei Kennedy, Carter und Clinton), beruht alles wirtschaftliche Handeln der entwickelten Nationen auf Lehren, die der Vergangenheit angehören. Eine Steigerung der Produktion war früher sinnvoll, um Hunger und Not zu bekämpfen, heute führt sie jedoch zur Schaffung von Überfluss an privaten Gütern, zu Lasten eines gleichzeitigen Mangels an Gütern und Dienstleistungen des öffentlichen Bereiches. Die für den Überfluss notwendige künstliche Nachfrage wird durch Werbung geschaffen – die Gesellschaft erzeugt Bedürfnisse, die sie dann glaubt, befriedigen zu müssen. Dadurch entsteht ein Abhängigkeitseffekt. Obwohl der Grenznutzen der Überflussgüter (z.B. Zweitauto) gering ist, muss die Gesellschaft den Überfluss zur Erhaltung der sozialen Stabilität und wirtschaftlichen Sicherheit produzieren – Wachstum, zwar nicht im Sinn des Brutto Inlandsprodukts (BIP) stellt Galbraith daher grundsätzlich nicht in Frage.

Mit unkontrolliertem Wachstum der Privatwirtschaft ist neben steigendem Ungleichgewicht zum öffentlichen Sektor auch eine steigende Gefährdung der Umwelt verbunden. Steigende private Produktion im Kapitalismus, welcher sowohl privaten Reichtum als auch öffentliche Armut schafft, bedingt zwar Arbeitsplätze und Einkommen – eine Alternative zur staatlichen Umverteilung, welche Reiche für Arme zur Kasse bittet, schafft aber Ungleichheit und externe Kosten.

Im Selbstzweck des Überflusses hat die Gesellschaft das eigentliche Ziel einer Produktion, nämlich die notwendige Versorgung der (aller !) Menschen, aus den Augen verloren. Nähert sich der Produktionsprozess der Auslastung seiner Kapazität, entsteht durch Preissteigerungen die Gefahr der Inflation in einer Wirtschaft, welche von preissetzenden Großkonzernen geprägt ist. Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), deren Beschäftigte sowie jene des öffentlichen Bereiches, Rentner und andere Bezieher sozialer Leistungen sind diesen Belastungen wehrlos ausgesetzt. Große Unternehmen können sich durch Marktherrschaft, Lohnerhöhungen, Absprachen und nicht realisierte Gewinne gegen höhere Preise schützen.

Galbraith setzt sich daher für einen aktiven Staat ein. Er verlangt von den Politikern Handlungen, insbesondere gegen die Neigung der Wirtschaftspolitik, „Nichts tun und abzuwarten“ (Laissez faire) ob sich die Dinge nicht von selbst wieder verbessern. Um Schwächere zu fördern (Arme haben keine Lobby), votiert er für Lohn- und Preiskontrollen. Gegen Inflation hilft nur kurzfristig eine Politik des knappen Geldes, aber hohe Zinsen dämpfen Kredit- und weiter die Gesamtnachfrage. Dies benachteiligt Marktfolger (KMU) wegen schlechterer Kreditkonditionen und auch weil sie höhere Kosten nicht auf die Kunden abwälzen können. Marktbeherrschende Firmen leiden lediglich langfristig durch eine unter Geldverknappung verursachte Wirtschaftsflaute.

Steuerpolitik ist wirksam als Lenkungsmittel der Marktherrschaft, geeignet zur Entkopplung von Produktion und sozialer Sicherheit, auch gegen Inflation, da große und kleine Firmen gleichermaßen betroffen wären. Dagegen steht, dass die Öffentlichkeit wohl bereit ist, in einer Wirtschaftsflaute die Steuern zu senken, aber eine Erhöhung zur Bekämpfung von Inflation nicht akzeptieren würde – unter anderem weil diese nach einer Erholung nicht mehr zurückgenommen werden.

Der Lösungsansatz von Galbraith, die soziale Sicherheit von der Produktion abzukoppeln, liegt darin, dass er sich für eine Unterstützung der Arbeitslosen ausspricht – deren Höhe sich verkehrt proportional zum Beschäftigungsgrad verhält. Eine Gesellschaft im Überfluss kann es sich nämlich leisten, auch die zu bezahlen, die nicht arbeiten – unter der geringen Dringlichkeit der Produktion von Überflussgütern ist sie nicht auf ihre Arbeit angewiesen.

Darüber hinaus wird in seiner Theorie des „sozialen Gleichgewichtes“ eine Balance zwischen dem, was eine Gesellschaft produziert, und dem was sie konsumiert, gefordert (notwendiger und künstlich geschaffener Bedarf) . Mit wachsendem Wohlstand müssen auch die öffentlichen Ausgaben steigen. So sollte der Staat in Gesundheit und Sicherheit investieren, vor allem aber mehr Geld für Schulen und Universitäten bereitstellen. Galbraith will Bildung allen Gesellschaftsschichten zugänglich machen und mit der wachsenden geistigen Potenz den Fortschritt sichern. Voraussetzung für seine Ansätze sind allerdings reiche, wirtschaftlich entwickelte Nationen.

Galbraith‘s Schilderung ist eine verkürzte Form der politischen Ökonomie seit der industriellen Entwicklung, zum Teil eine Sozialgeschichte und hat, obwohl schon Anfang 1960 herausgegeben, vorausschauend aus der damaligen amerikanischen Situation den heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stand der westlichen Hemisphäre überraschend gut getroffen. Er kommt in seinen Ausführungen noch vorwiegend ohne Statistik und Mathematik aus. Nach ihm verbirgt sich die ordnungspolitische Nationalökonomie gerade hinter diesen Instrumenten.

Da sich Galbraith, Professor in Harvard, früh von Modellen verabschiedete und politökonomische Kommentare verfasste, wurde er von Kollegen (Samuelson u. a.) unwissenschaftlicher Vorgangsweise bezichtigt.

Noch 2004 mischte er sich fünfundneunzigjährig ein und veröffentlichte „The Economics of Innocent Fraud: Truth for Our Time“. Ein Essay, in dem sich Galbraith den Frust über neoliberale Politik der vergangenen 30 Jahre von der Seele schreibt.

Egal, womit er sich gerade befasste, Galbraith legte sich immer an. Herrschende Gedanken, die nicht mehr hinterfragt werden, forderten ihn zum Widerspruch heraus.

Graz, 23.11.2012. Wolfgang K.

John Kenneth Galbraith: Gesellschaft im Überfluss (The Affluent Society), Deutsche Ausgabe 1959 Droemer Knaur Verlag Stuttgart, übersetzt von Rudolf Mühlfenzl

Galbraith-Überfluss

Links und Verweise: Galbraith, Außenseiter der Ökonomie

 

 

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