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Nachlese zum Vortrag „Vollgeld“

Bloged in Allgemein von friedi Sonntag November 18, 2012

Am 6.11.2012 hielt Prof. Senf (Bernd Senf) seinen Vortrag zum Thema „Vollgeld“ (siehe Vortrag) im zum Bersten gefüllten Saal des Augustinums in Graz. Das Augustinum, das einige Schritte neben dem ursprünglich geplanten Veranstaltungsort des Caritas Schulzentrums gewählt wurde, bot die Möglichkeit eines geschlossenen Auditoriums.

Der Vortrag war für alle, die sich noch nicht mit der Geld-Thematik beschäftigt hatten wirklich klar und unmissverständlich. Die an Verschwörung erinnernden Vorgänge im Finanzssektor wurden schonungslos klar gestellt – an manchen Stellen sogar etwas überzeichnet.

Für alle, die sich zu dem Thema tiefere Analysen erwartet hatten, erfüllte sich die Erwartung jedoch nicht. Aus diesem Grund möchte ich im Nachfolgenden einige Kritikpunkte anbringen, um an diesen Stellen eine tiefere Diskussion anzuregen.

Der Vortrag war sehr eindringlich und plakativ – aber eben auch sehr holzschnittartig – an manchen Stellen zu holzschnittartig – manches war erfreulich erhellend und anders für mich zutiefst enttäuschend. Die Problematik wurde, zur Problemsensibilisierung sehr gut – zur wirklichen Aufklärung nicht korrekt genug dargestellt.

Die dargebotenen Erklärungen überstiegen an kaum einer Stelle die Darstellung der im Internet publizierten einfachen Erklärungen – etwa das Goldschmiedbeispiel Fabian auf Youtube (Fabian) und zu Wörgl (Gesell)  wurde das Bekannte gebracht. Die Darstellung war dabei so eingeschränkt, dass sie an manchen Bereichen schon einer Falschinformation glich. Ähnliches gilt auch für die ansonsten gute Darstellung der Vorgänge um die FED (Federal Reserve). Die Fakten waren, gut dargebracht entsprachen aber nur dem, was seit 10 Jahren in der sogenannte „Alternativliteratur“ publiziert wird (siehe etwa: Kopp Verlag: Die Kratur von Jekyll Island).

Das dargebotene Alternarivmodell des „Vollgeldes“ enthielt zwar richtige Forderungen (etwa die, die Geldemmision wieder direkt den demokratischen Gremien zu unterstellen) aber kaum Erklärungen, warum diese Gremien dann just das Giralgeldsystem – das Senf für die gefährliche Spitze des Geldbetruges hält – nicht auch in gleicher Weise pervertieren sollten, wie sie es mit dem Notengeld oder dem Materialgeld gemacht haben. Warum soll sich eine, den Banken hörige Regierung justament beim Giralgeld auf einmal zum allgemeinen Nutzen entscheiden, nachdem sie das schon beim Parlamentarismus und beim Notengeld nicht getan hat?

Diese und ähnliche Fragen blieben im Vortrag offen. Senf ging überhaupt nur sehr ungern auf Fragen ein. Er wollte für das Basisproblem sensibilisieren und das Basisproblem hieß für ihn: Die Art wie Geld „gehandelt wird“. Auf Ressourcenverteilung, Bezugsberechtigung usw. ging Senf auch nicht ein.

Das zentrale Thema der Motivation war das alte Zinseszinsproblem – da nahm sich Senf, der sonst keine Zeit für Fragen hatte, Zeit Nullen zu schreiben, Rechenexperiment usw. zu machen. Der Vortrag sollte eben nicht wirklich informieren und aufklären, sondern Stimmung machen und Sensibilisieren.

Das beim Zins gebrachte Beispiel war an realitätsferne nicht zu überbieten – es musste halt plakativ sein. Auch auf Kosten aller wichtigen Fakten. Dieses dargestellte Zinseszinsproblem gibt und gabe es so nicht. Damit kann es auch nicht die Wurzel des Übels sein. Die Darstellung ist nichteinmal ein hinkendes Beispiel, sondern eine auf Emotion abzielende Show. Gerade die kritisierten Geldmechanismen würden das Beispiel verunmöglichen.

Dies einfach deshalb, weil die steigenden Zinsen zum guten Teil von der verursachten Inflation aufgefressen würden. Es gab in Österreich die längste Periode ohne Währungsreform zu Schillingszeiten (ca. 1945-1999 also fast 60 Jahre). Auch da ist für die Massen das Zinseszinsproblem nicht aufgetreten – im Gegenteil: Die Zinsen für die Mehrheit der Bevölkerung war negativ! Jeder der eine Lebensversicherung hat kann das nachprüfen.

D.h. die Menschen, die Sparen, verlieren laufend Geld. Dieses Modell ist eigentlich ident mit dem von Senf vorgestellten und gut geheißenem System von Silvio Gesell (zumindest zum Teil). Nach Gesell soll eine degressive Wertentwicklung des Geldes den Geldumlauf erhöhen und damit die Investitionstätigkeit. Die degressive Wertentwicklung löst aber die Probleme in keinster Weise, sondern schafft neue.  Auch darauf ging der Vortrag nicht ein.

Dieses Zentralthema Zinsezins lässt sich zwar sehr plakativ darstellen – das haben die Nationalsozialisten schon getan – es trifft aber nicht den Kern der Sache. Es dient nur dazu, den Massen eine scheinbar logische Begründung zu liefern und einen isoliert darstellbaren Sündenbock zu präsentieren: Damals die Juden und heute verdeckte Bankiers – oder doch wieder jüdische Familien? Die wahrhaft Schuldigen bleiben heute wie damals im Dunklen: Es sind die Regierungen – die eigenen! Das trifft auch auf die FED zu! Und es ist die breite Bevölkerung, ich, du – die das Zulassen. Der Problemgrund ist das Rechtssystem, das es zulässt, dass Forderungen eingetrieben werden, die nicht real sind. Das betrifft zwar auch manche Teile des Zinseszins – aber nicht nur. Das Eintreiben von willkürlichen Forderungen, also die Rückforderung von Abgaben die nie verliehen wurden braucht kein Geld. Das funktioniert auch mir Äpfel und Birnen. Es braucht nur Macht und Gier um dieses Spiel zu spielen.

Der Beweggrund der unberechtigten Bereicherung ist nicht nur bei den Bankiers zu finden! Jeder der eine Pensionsversicherung hat, ist ein Spekulant, jeder der Geld am Sparbuch hat, fördert dieses – angeblich verwerfliche – System, jeder der ein Girokonto hat ist „der Böse“, jeder der eine Wohnung vermietet und mehr verlangt als er Ausgaben hat ist das Problem! Die Zinsezinsproblematik ist eigentlich keine „Geldkritik“ im eigentlichen Sinn.

Der Kern der Geldkritik ist, dass das Geld als „universales Tauschmittel“ den Bezug zur Realität abstrahiert und so einen verdeckten Raub ermöglicht. Diese Tatsache wurde im Vortrag zwar angeschnitten, aber nicht in ihrer zentralen Bedeutung herausgestellt. Auch den Zinseszins als Ursache für das ständige Wachstum anzuführen ist falsch. Der Wachstumszwang kommt aus der ständgig erhöhte Gewinnerwartung (und aus der zunehmenden Weltbevölkerung). Das ist zwar im Mechanismus ein dem Zinseszins verwandtes Thema, hat aber ursächlich nichts mit Währung und Geld zu tun. Schon Malthus (1766-1834) zeigte ein ähnliches Problem bei der Nahrungsmittelproduktion – also völlig ohne Bankiers – auf. Diese von Malthus befürchtete Problem trat in der Weltgeschichte übrigens bis heute so nicht auf, da auch Malthus einfach die damals aktuelle Annahmen oder Fakten weiterinterpolierte.

Auch wenn ein reiner Warentausch durchgeführt wird, tritt das Problem der immer höheren Bereicherung auf – es wäre dann nur wesentlich unmittelbarer zu sehen. Aus meiner Sicht hat Marx das völlig korrekt dargestellt. Gesell und andere Geldtheoretiker – wie auch Senf – bewerten das Geld über! Nicht das Geld – die Währung – ist das Problem, sondern die Besitzverhältnisse bzw. die Rechtsgrundlage an sich. Wenn es rechtlich so geregelt ist, dass sich eine dünne Schicht ohne Gegenleistung bereichern kann, ist es völlig egal, ob das direkt mit Bodennutzungsrechten, Warenbezug oder Geldbezug erfolgt. Ein Rechtssystem, das einer Schicht das Privilegium des Raubes zugesteht ist das Problem. Ganz klar: Unserer Regierenden sind das Problem! Nicht die Bankiers oder Goldschmiede! In der Demokratie sind WIR das Problem, indem wir solche Gesetze zulassen!

Gesell, der in seinem Modell den Staat als Räuber einsetzt (also die Behörde, die bei Gesell ständig den Bezugswert des Geldscheines vermindert; ein System das im Mittelater aus legitimeren Gründen bereits einmal gegeben war siehe: Brakteatenpfennig) ist da nicht besser – eher das Gegenteil: Er führt zusätzlich zur Beraubung (nichts anderes ist eine Wertminderung des Tauschmittels) noch eine Freiheitsbeschränkung ein (indem ich nur in Wörgl einkauen darf). Dass so etwas als Alternative zu einem, zumindest potentiell, besseren System des universellen, freiene Tausches auch über Grenzen hinweg gehandelt wird, ist abstrus!

Solche Systeme sind Notgeldsysteme, wie es vor allem in und nach Kriegszeiten immer üblich waren! Auch Firmen nutzten es als sogenanntes „Blechgeld“ in dem die Bediensteten anstatt Geld Waren der Firma bekamen (Kohle, Holz o.ä.). Diese System funktinieren nur in regional eng begrenzten Bereich und erlauben kaum Fernhandel. Das als moderne Alternative zum Geld zu nennen ist schlicht „Blödsinn“. Falls wirklich jemand dieses System haben will, so kann dieser Jemand das sofort haben: Er gibt das ganze Geld das er hat dem Bauern seiner Wahl im versprechen, dass dieser Bauer ihn mit dem versorgt was er hat (Bett, Wasser, Brot und Fleisch).

Auch mit der Darstellung der Bankguthaben mit dem aus dem Internet bekannten Goldschmiedebeispiel verhält es sich ähnlich. Es ist so dargestellt, dass es bereits in vielen Teilen falsch wird. Die Einführung und der Erfolg der Banknote hat weniger mit der Gier und den Betrugsabsicht der Goldschmiede zu tun, als mit Kriegsführung der Herrscherhäuser – allen voran die Bank von England (1694 gegründet) die so die Kriege von William III finanzierten. Es hatte auch weniger mit dem “Goldbetrug” (eingelagertes Gold, das dann mehrfach gutgeschrieben wird) zu tun, als damit, dass Kaufleute um William Patterson für die Schulden des Königs hafteten und dies gegen Privilegien taten. Die Bank von England sei hier nicht deswegen erwähnt, weil sie die erste war – das war sie nicht – sondern, weil sie in ihrer Organisationsform die Stabilität dieses auf Schulden (Schulden des Herrschers) beruhenden Finanzsystems ermöglichte – bis heute!

Der eigentliche Grund der Banknoten war aber immer schon der Fernhandel – nicht der böse Räuber um’s Eck – wie dargestellt. Die im Vortrag gebotene Darstellung, jemand tauscht sein Gold als Angst vor Rübern ist nicht stichhaltig. Schon immer waren Räuber und Raüberinnen in der Lage, Papierscheine genau so gut zu rauben wie Goldmünzen. Der Grund für Banknoten ist – wie gesagt – ein anderer: Schon die venezianischen Händler bedienten sich Beglaubigungsschreiben wenn sie mit den Handelshäuser im Norden Handel betrieben. Da waren die Räuber der Grund. Die Überbringer der Beglaubigungsschreiben waren dem Handelspartner nämlich meist bekannt. Es ging nur um die Daten der Kontoführung.

Sehr richtig und gut dargestellt waren die bevölkerungs-betrügerischen Vorgehensweisen der heutigen Banken – sowohl was die Währungsemission an sich als auch die sonstige Geldschöpfung aus Luft zum Zwecke der Bereicherung einiger wenigen Privatpersonen “hinter dem Vorhang” betraf. Richtig auch die vehemente Forderung, dass Geldemission ausschließlich dem Staat zustände. Nur leider haben die Regierungen, die teilweise in Personalunion mit den Bankprofiteuren agieren – diese verfassungsmäßige Verpflichtung delegiert (ohne die Bevölkerung davon genau in Kenntnis zu setzen – siehe auch die Geschichte der Bank von England).

Sehr richtig daher die Forderung, dass die Regierung, der Staat verpflichtet wäre, zinsenlos Umlaufsgeld zum täglichen Gebrauch zur Verfügung zu stellen (und nicht nur für die Geschäftsbanken, die dieses niederverzinste Geld dann mit überhöhtem Zins an die Regierungen verleihen!).

Auch die Forderung nach Trennbanken ist richtig. Lediglich wurde nicht dargestellt, wie das zu erreichen sein soll. Es waren für den Vortrag auch die Darstellung von Lösungen angekündigt – die blieb im Detail genauso offen wie die Problemdarstellung.

Man sollte nicht vergessen, dass sinnvolle Finanzeinschränkungen bis ca 1995 alle da waren und erst in jüngster Zeit von den Regierungen Zug um Zug außer Kraft gesetzt wurden.

Warum und wie sollten also die gleichen Machtgruppen plötzlich die Maßnahmen wieder einführen? Diese Machtgruppen – auch in Österreich – haben die Änderungen ja nicht aus Dummheit gemacht. Diese Gruppen wissen sehr wohl was sie machen und wozu das führt: Zu einer immensen Bereicherung einer dunklen Elite auf Kosten der breiten Bevölkerungsmehrheit. Die Bereicherung ist im Endeffekt nicht in Geld – sondern in Realitäten und in Machtansprüchen. Die aktuellen Privatisierungswellen als Abgleich für Geldforderungen zeigen diesen Vorgang bereits deutlich.

Zum Abschluss möchte ich noch Kral Reinprecht – einen leider viel zu früh verstorbenen „Grazer Geldtheoretiker“ zietieren, der sich dem Thema Geld phiosophisch und gesellschaftlich Umfassen angenommen hatte.

Er hat es auf den Punkt gebracht: „Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung eines Staates“ (K.Reinprecht, 20110)

18.11.2012, W. Friedhuber

Empfehlenswerte Literatur:

William Dodgson Bowman (?): Die Geschichte der Bank von England. Von ihrer Gründung im Jahre 1694 bis heute. Basel: Benno Schwabe & Co

Ludwig Mises (1924): Theorie des Geldes und der Umlaufmittel. München: Verlag von Duncker & Humblot

Der Zins bei Marx

 

 

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