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„Stalins Herrschaft der Gewalt“ (Buchrezension)

Bloged in Allgemein by friedi Dienstag Mai 1, 2012

Jörg Baberowski „VERBRANNTE ERDE-STALINS HERRSCHAFT DER GEWALT“(Rezension)

Es genügt für die Linke nicht alternative soziale und wirtschaftliche Vorstellungen zu haben. Trotz der aktuellen enormen Krisen des Kapitalismus wird es nur dann ein massenhaftes Votum für eine alternative Gesellschaftordnung geben, wenn diese MEHR bietet- vor allem auch ein Mehr an Demokratie, an Sebstverwirklichung. Mit stalinistischen Ladenhütern wird nix zu erreichen sein.Daher ist es nach wie vor unerläßlich, genau zu wissen, warum sich der Stalinismus in der Sowjetunion, schließlich – weltweit! – in der kommunistischen Weltbegebung durchsetzen konnte und wie es ihm gelang Jahrzehnte lang seine Dominanz zu behalten.

Von da her griff ich zu Baberowskis Buch. Es wurde auch allseits über den grünen Klee gelobt: Preis auf der Leipziger Buchmesse, eine einstündige ORF-Sendung war ihm vor kurzem gewidmet, auch Karl Schlögel, der ein sehr gutes, differenziertes Buch über die Höhepunkte des stalinistisches Terror im Jahr 1937 geschrieben hat, fand in einer Rezension nur lobende Worte.

Stets war bei den Urteilen über Barberowskis Buch die Rede von neuen Quellen, spannenden neuen Gesichtspunkten usw. Von all dem ist aber kaum etwas zu bemerken.

Die Hauptgründe für den Sieg des Stalinismus sind heute unter seriösen Anylytikern zu einem Gutteil allgemein anerkannt:

– die Revolution siegte in einem rückständigen Land und blieb international- entgegen allen Erwartungen in West- und Osteuropa – isoliert

– vor diesem Hintergrund ging in der Sowjetunion die anfängliche revolutionäre Elan zunehmend verloren und eine – konservative – Bürokratie mit ihren spezifischen Eigeninteressen setzte immer mehr ihre Positionen durch. Rationalisiert wurde dies – durch einen völligen Bruch mit dem Marxismus – durch die obskure Theorie des „Sozialismus in einem Land“.

Diese falsche „Leitlinie“ führte zu grauenhaften Fehleinschätzungen (zuerst wollte man mit einer extremen Ausweitung der „Neuen ökonomischen Politik“ in den Sozialismus „hineinwachsen“; dann, als das schief ging, erfolgte Ende der 1920er Jahre der ultralinke Schwenk um 180 Grad: Zwangskollektivierung, Super-Industrialisierung etc. All das endete in den Massakern Mitte der 1930er Jahre – dem auch die meisten Mitkämpfer Lenins zum Opfer fielen. Die internationale kommunistische Bewegung wurde an die Kette gelegt – und mußte all diese Schwenks (vom Putschismus bis hin zur „Volksfront“ mit der „demokratischen“ Bourgeosie) mitvollziehen.

Solche grundlegenden Erkenntnisse werden von Barberowskis weitestgehend ignoriert. Vielmehr steht vor allem die „Gewalt“ im Zentrum seiner Betrachtungen. Nun ist es richtig und wichtig zu wissen, daß bereits die – zaristische- russische Gesellschaft extrem gewalttätig war; der Erste Weltkrieg die Gewaltspirale mächtig anzog; und im Bürgerkrieg – nach der relativ friedlichen Oktoberrevolution- die Gewalt ausuferte.

Aber ähnliche Erscheinungen gab es gab es auch im ökonomisch fortgeschrittenen Westen – und sie waren bekanntlich die Basis für autoritäre und faschistische Bewegungen in der Zwischenkriegszeit.

Auch ist nicht zu leugnen, daß sich die Organe, die ursprünglich der Verteidigung der Revolution dienten (z.b. die Tscheka) verselbständigten und ziemlich viel zwielichtiges Milieu anzogen – und Stalin für seine Gewaltorgien sich gerne dieser Schichten bediente.

Aber es ist schlicht simpel, die Genesis des Stalinismus insbesonders durch solche Erscheinungsformen zu erklären. Solch Prozesse treten in jeder Revolution auf und sollten in einen analytischen Gesamtrahmen integriert werden.

Völlig korrekt ist es, daß es “ ohne Stalin keinen Stalinismus gegeben hätte“ (S.30). Stalin verkörperte geradezu die um ihre Sonderstellung bangende Bürokratie im Reflux der Revolution. Und er hatte eine im wahrsten Sinne des Wortes mörderische, perverse Freude am Liquidieren seiner Gegner. Bei Baberowski wird dieser – wichtige – Faktor jedoch total überzogen. „Der Schlüssel zur Erklärung der exzessiven Gehalt ist also der Diktator selbst“ (ebd). Und weiter „deshalb war der Tod des Despoten auch das Ende des Stalinismus“ (ebd). Wie bitte?!

Entgegen allen großspurigen Ankündigungen: Barberowskis Buch ist ziemlich oberflächlich. So fehlt etwa eine tiefgehende Analyse der Wirtschaftsdebatten in der Sowjetunion der frühen 1920er  Jahr. Was schließlich zu solchen Aussagen führt, daß hinsichtlich der Industrialisierung „Stalin ein Trotzkist“ wurde (S.115). Tatsächlich hatten Trotzki und die Linksopposition relativ bescheidene Investitionsratenraten in die Industrie gefordert.

Baberowski hantiert ziemlich demagogisch mit der Kategorie „die Bolschewki“. Gelegentlich bezeichnet er damit die „stalinistischen Funktionäre, die sich wahrscheinlich eine Welt ohne Gewalt überhaupt nicht vorstellen konnten“ (S.29). Dann jedoch wieder kriegt der gesamte Bolschewismus eins drübergezogen – als hätte es nach dem Tod Lenins und der Ausschaltung der Linken nicht veritable BRÜCHE gegeben!

Ohne Zweifel finden sich in dem Buch etliche neue facts auf der empirischen Ebene: etwa wenn Stalin als „Meister der Intrige und des Spiels mit der Macht“(S.117) porträtiert wird. Aber alles in allem handelt es sich um eine Fortsetzung der leidigen „Totalitarismus“-Theorien. Es ist das Buch eines – bürgerlichen – Wissenschafters, der die „Ordnung“, das „Recht“, die traditionellen „Institutionen“ retten will – also einen Horror vor jeder Revolution hat. Und er sagt dies auch explizit: „Als die Staatsmacht im Februar 1917 zusammenbrach, verschwnden mit ihr alle bürgerlichen Sicherungen (sic!), die es im zaristischen Rußland immerhin noch gegeben hatte (S.49).
Wien, 1.5.2012, Hermann Dworczak (0676/ 972 31 10 )
Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. Verlag C.H.Beck München 2012. 606 Seiten. 30,80 Euros.

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